Was ist eine Nettopolice? Einfach erklärt.
„Wieso hat mir das niemand früher gesagt?"
Diese Frage stellt fast jeder, der zum ersten Mal von der Nettopolice hört. Nicht weil das Konzept kompliziert ist — es ist eigentlich erschreckend simpel. Sondern weil die Antwort unbequem ist: Weil diejenigen, die Rentenversicherungen verkaufen, kein Interesse daran haben, sie zu erklären.
Dieser Beitrag gibt die Antwort, die viele Berater schuldig bleiben.
Die Definition: Was eine Nettopolice ist — und was nicht
Eine Nettopolice — auch Nettotarif oder Honorartarif genannt — ist eine private Rentenversicherung, in der keine Abschlussprovisionen für Vermittler eingepreist sind. Das ist die wesentliche, entscheidende Eigenschaft.
Was sie nicht ist: kostenlos. Jede Rentenversicherung hat laufende Betriebskosten — für die Kapitalverwaltung, die Verwaltungsinfrastruktur und die versicherungstechnischen Garantien. Bei einer Nettopolice liegen diese Verwaltungskosten je nach Anbieter zwischen 0,2 und 0,5 % p.a. des Fondsvermögens, hinzu kommen die Kosten der eingesetzten ETFs oder Fonds von typischerweise 0,1 bis 0,25 % p.a.
Was wegfällt: die Abschlussprovision, die bei einer klassischen Bruttopolice durchschnittlich 4,7 % der gesamten Beitragssumme beträgt (BaFin 2022) — sowie die laufenden Vertriebskosten, die Jahr für Jahr die Rendite schmälern.
Wie das Honorarmodell funktioniert
Statt einer im Produkt versteckten Provision zahlt der Kunde bei einer Nettopolice ein transparentes Beratungshonorar direkt an den Berater. Dieses Honorar ist:
- einmalig — kein laufender Abzug aus den Beiträgen
- fest vereinbart — vor Vertragsabschluss schriftlich fixiert
- unabhängig vom Produkt — der Berater verdient dasselbe, egal welchen Anbieter Sie wählen
- transparent — ausgewiesen auf einer Honorarrechnung
Typische Honorare liegen je nach Beratungsumfang zwischen €590 und €1.990. Der Vorteil gegenüber einer Bruttopolice amortisiert dieses Honorar in den meisten Fällen bereits nach zwei bis vier Jahren — danach profitiert der Sparer dauerhaft von der geringeren Kostenbelastung.
Wo der Unterschied im Alltag spürbar wird
Bei einem Vertragsabschluss über eine Bruttopolice mit €300 monatlichem Beitrag fließen in den ersten fünf Jahren erhebliche Teile des Beitrags zur Deckung der Abschlusskosten — ein Mechanismus namens Zillmerung. Das bedeutet: In den ersten Jahren baut sich kaum Kapital auf, obwohl der Versicherungsnehmer regelmäßig einzahlt.
Bei einer Nettopolice entfällt dieser Effekt. Abzüglich der laufenden Verwaltungskosten wird der Beitrag von Beginn an investiert. Über eine lange Laufzeit macht das durch den Zinseszinseffekt einen erheblichen Unterschied aus.
Welche Anbieter gibt es in Deutschland?
Nicht jede Versicherungsgesellschaft bietet Nettotarife an. Der Markt ist kleiner als beim Bruttopolice-Segment: Aktuell sind es rund 20 Anbieter in Deutschland, die ETF-basierte Nettotarife für die private Altersvorsorge im Portfolio haben. Bekannte Namen sind Condor, Alte Leipziger, Stuttgarter, Baloise und einige weitere.
Die Unterschiede zwischen den Anbietern sind trotzdem erheblich:
- Laufende Verwaltungskosten (0,1 % bis 0,6 % p.a.)
- Verfügbare ETFs und Fondsauswahl
- Flexibilität bei Beitragsänderungen und Teilentnahmen
- Rentengarantien und Rückkaufswerte
- Todesfall- und Berufsunfähigkeitsoptionen
Ein sorgfältiger Anbietervergleich lohnt sich. Die Differenz zwischen einem günstigen und einem teuren Nettoanbieter kann über 30 Jahre mehrere Tausend Euro ausmachen — auch wenn beide besser als die meisten Bruttopolicen sind.
Rechtliche Grundlage: Wer darf Nettopolicen vermitteln?
In Deutschland ist die Vermittlung von Versicherungsprodukten reguliert. Nettopolicen können vermittelt werden von:
- Versicherungsberatern (§ 34d Abs. 2 GewO): Dürfen ausschließlich gegen Honorar beraten, keine Provisionen annehmen.
- Versicherungsvermittlern (§ 34d Abs. 1 GewO): Dürfen sowohl gegen Provision als auch gegen Honorar arbeiten, wenn sie sich entsprechend aufstellen und mit Nettotarif-Anbietern zusammenarbeiten.
Klassische Versicherungsvertreter, die an eine Gesellschaft gebunden sind, können in der Regel keine Nettopolicen anbieten — ihr Vergütungsmodell ist rein provisionsbasiert.
Für wen ist die Nettopolice geeignet?
Die kurze Antwort: für die meisten langfristigen Sparer. Die etwas längere Antwort differenziert nach Situation:
Gut geeignet bei Monatsbeiträgen ab etwa €100, geplanter Laufzeit von mindestens 15 Jahren und dem Wunsch nach klarer, nachvollziehbarer Kostenstruktur.
Weniger geeignet bei sehr kurzer Laufzeit (unter 10 Jahren), sehr kleinen Beiträgen oder wenn der Abschluss im Rahmen einer betrieblichen Altersvorsorge mit Arbeitgeberzuschuss erfolgt — hier gelten andere Mechanismen.
Wer bereits eine Bruttopolice hat: Eine Kündigung ist selten der richtige Weg. Stornokosten und Steuereffekte können den Vorteil auffressen. Sinnvoller ist oft, den bestehenden Vertrag auf Beitragsfreiheit zu stellen und parallel eine Nettopolice aufzubauen — oder die verbleibende Laufzeit bis Renteneintritt zu bewerten.
Was man wissen sollte, bevor man abschließt
Nettopolice ist nicht gleich Nettopolice. Die Auswahl des richtigen Anbieters, des passenden Tarifs und der richtigen ETF-Kombination macht einen erheblichen Unterschied. Wer einfach den erstbesten Nettotarif abschließt, ohne die Kostenstruktur genau zu verstehen, hat zwar die Provision gespart — aber nicht unbedingt das Optimum gewählt.
Die Entscheidung für eine Nettopolice ist der erste richtige Schritt. Der zweite ist, den richtigen Anbieter für die eigene Situation zu finden.